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Das Familienunternehmen Soldan aus Adelsdorf in Franken produziert seit mehr als 125 Jahren die Hustenbonbons Em-eukal mit Eukalyptus und Menthol. Geschäftsführerin Melanie Schneble hat der Ippen.Media-Interviewreihe „Kulturgüter“ Auskunft über Rezeptur, Sortenentwicklung, Krisenjahre und die aktuelle Wirtschaftslage gegeben. Das Interview führte Andreas Schmid.
Die genaue Rezeptur kennt nach Schnebles Angaben nur eine kleine Zahl von Mitarbeitenden. Sie selbst hat keinen Zugriff darauf, und das soll so bleiben. Das Unternehmen führt sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Natalia Schindler, sie gehört nicht zur Gründerfamilie. Die Familie Soldan sei dennoch tief im Betrieb verankert: Sie sei bei Firmenfeiern präsent, und die fünfte Generation arbeite im Unternehmen. Anfragen von Investoren, die Soldan übernehmen wollten, habe die Familie immer wieder abgelehnt. Das solle sich nicht ändern. Wichtig sei langfristiges Denken, um das Unternehmen gesund an die nächste Generation zu übergeben.
Nach Schnebles Worten ist Em-eukal in Deutschland das meistverkaufte Hustenbonbon. Der Schwerpunkt liege klar auf dem deutschen Markt, der internationale Anteil betrage unter fünf Prozent. Geliefert werde etwa nach Österreich und Südkorea. Das Auslandsgeschäft sei über Kontakte entstanden, in Südkorea arbeite man mit einem guten Distributor, und dort sei „Made in Germany“ gefragt. Als Mittelständler müsse das Unternehmen entscheiden, in welche Märkte es investiert.
Bei neuen Sorten orientiert sich Soldan laut Schneble an aktuellen Trends. Eine eigene Entwicklungsabteilung tüftelt die Rezepturen aus, getestet wird zunächst meist intern. Dabei zeige sich schnell, ob ein Geschmack Potenzial habe. Ingwer habe sich so inzwischen als feste Sorte etabliert. Für den Herbst kündigt sie Em-eukal Mango-Matcha an, ein Produkt für das Immunsystem, das einen Genusstrend in ein Bonbon übersetze.
Auf eine lange „Flop“-Galerie blickt Schneble nach 18 Jahren im Unternehmen zurück. Pflaume sei eine ihrer Lieblingssorten gewesen und geschmacklich gigantisch, doch die Konsumenten hätten sie nicht gekauft. Hanf-Zitrone habe nur eine Zeit lang funktioniert. Überrascht habe sie dagegen, wie gut Ingwer-Orange ankam. Kunden schätzten es, wenn regelmäßig etwas Neues angeboten werde.
Zwischen Medizin und Süßigkeit sieht Schneble Em-eukal in der Mitte. Laut Befragungen greifen Konsumenten bei leichtem Halskratzen zu Em-eukal, bei einer schweren Mandelentzündung eher zu Medizinprodukten. Für viele sei das Bonbon in der Erkältungszeit zudem ein kleiner Stimmungsaufheller. Seit 2014 bietet das Unternehmen auch Produkte zum Kauen an. Die treue Kernzielgruppe der klassischen Bonbons sei etwa ab 50 Jahren, da mit dem Alter Mundtrockenheit häufiger eine Rolle spiele und mehr gelutscht werde. Jüngere fänden Kauen oft attraktiver, weil es schneller gehe und die Wirkung unmittelbarer zu spüren sei. Der Klassiker habe die meisten Liebhaber. Zu den drei beliebtesten Sorten zähle zudem Em-eukal Vitamin Shot, der kurz nach Corona auf den Markt kam.
Die Pandemie hat das Geschäft nach Schnebles Schilderung deutlich getroffen. Monat für Monat seien die Umsätze um 30, 40 oder sogar 50 Prozent gesunken. Wegen weniger Kontakten und Masken habe es weniger Erkältungen gegeben, außerdem seien typische Anlässe wie Zugfahrten, Unterwegssein, frischer Atem oder Mundbefeuchtung entfallen. Anschließend hätten Nachholeffekte eingesetzt: Viele Menschen seien stark erkältet gewesen, die Nachfrage sei deutlich gestiegen, und das Unternehmen habe die benötigten Mengen nicht schnell genug herstellen und liefern können. Am besten sei es für Em-eukal, wenn Menschen zusammenkommen und ihr Leben genießen.
In der Produktion übernehmen heute größtenteils Maschinen das Kneten und Kochen der Bonbonmasse, die bei 180 Grad gekocht wird. Früher sei das körperlich extrem fordernde Rühren von Hand mit großen Schutzhandschuhen nötig gewesen. Unverzichtbar bleibe das Wissen des Bonbonkochers, etwa darüber, wann Aromen und ätherische Öle zugegeben werden. Dieses Wissen sei schon vor Jahrzehnten in alten Büchern festgehalten und über Generationen weitergegeben worden.
Aus diesen alten Rezepturbüchern stammt laut Schneble auch eine Produktidee. Eine Mitarbeiterin entdeckte, dass früher Bonbons in heißem Wasser aufgelöst und zu winterlichem Salbeitee verarbeitet wurden. Daraus entstand eine eigene Produktgruppe mit Sorten wie Pflaume-Zimt, Glühkirsche und Bratapfel. Überrascht war das Unternehmen außerdem von einer Bar in Nürnberg, die Kinder Em-eukal auflöst, mit Alkohol versetzt und als Kinder Em-eukal-Schnaps verkauft. Viele Menschen verbänden die Marke mit ihrer Kindheit. Das Unternehmen erhalte immer wieder emotionale Geschichten, etwa über Bonbons von der Mutter, Schwimmbadbesuche oder einen Opa mit Bonbons in der Tasche. Solche positiven Erinnerungen wirkten bis in die Zukunft, deshalb helfe die Tradition sehr.
Eukalyptusbäume sind in Franken laut Schneble rar, nicht alle Rohstoffe ließen sich regional beziehen. Das Unternehmen setze deshalb auf langfristige Partnerschaften mit verlässlichen Lieferanten. Mit rund 250 Mitarbeitenden sei Soldan weder klein noch groß und stehe als Mittelständler zwischen starken Handelskonzernen und großen Rohstoffkonzernen. Das Unternehmen sei daher von Zulieferern, Ernten und Handelspartnern abhängig.
Die aktuellen Krisen spüre Soldan vor allem über die Lieferanten, sagt Schneble. Verpackungsmaterialien seien teurer geworden, Liefer- und Logistikkosten stiegen, und der Handel verlange zusätzliche Konditionen. Das mache es für den Mittelstand sehr schwierig. Hinzu kämen Überregulierung und Bürokratie. Als Beispiel nennt sie das Entgelttransparenzgesetz: Eine Reform stehe an, doch kurz vor dem Inkrafttreten sei weiter unklar, welche Kriterien künftig gelten. Diese fehlende Planbarkeit sei problematisch, ähnlich wie beim Lieferkettengesetz.
Zur Zuckersteuer sagt Schneble, das Unternehmen setze auf Eigenverantwortung. Wenn Konsumenten alle relevanten Informationen hätten, könnten sie selbst zwischen zuckerhaltigen und zuckerfreien Bonbons wählen. Von der von der Politik angekündigten Wirtschaftswende sei bei Soldan bislang nichts angekommen. Die Erwartungen seien groß gewesen, doch in der Branche spüre man derzeit keine Verbesserung.